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Prostatakrebs-Früherkennung: Warum neue Screening-Ansätze Leben retten könnten

Credits : iStock.com/ARMMY PICCA

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern in Deutschland. Jährlich erhalten rund 60.000 Männer die Diagnose – viele davon erst in einem fortgeschrittenen Stadium. Eine effektivere Früherkennung könnte Todesfälle verhindern, doch das bisherige Screening-System steht zunehmend in der Kritik. Nun bringen Fachgesellschaften und Wissenschaftler ein differenziertes, risikobasiertes Vorgehen ins Spiel, das gezielter, schonender und wirksamer sein soll.

Status quo: PSA-Test nur auf Wunsch – und auf eigenes Risiko

Aktuell ist die Früherkennung in Deutschland nicht systematisch organisiert. Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt lediglich die Tastuntersuchung der Prostata ab 45 Jahren. Der PSA-Test, mit dem sich ein erhöhter prostataspezifischer Antigenwert im Blut nachweisen lässt, wird zwar angeboten – jedoch nur als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL)und somit auf eigene Kosten.

Zudem erfolgt die Entscheidung für oder gegen den PSA-Test oft ohne strukturierte ärztliche Beratung. Dabei ist der Test umstritten, weil er sowohl Überdiagnosen als auch Übertherapien begünstigen kann. Viele Männer erfahren von indolenten Tumoren, die niemals Probleme bereitet hätten, werden jedoch dennoch operiert oder bestrahlt – mit teils gravierenden Nebenwirkungen wie Inkontinenz oder Impotenz.

Neue Empfehlungen: Risikobasiertes Screening statt „one size fits all“

Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) sowie die Deutsche Krebshilfe plädieren nun für eine gezielte Reform des Früherkennungsprogramms. Zentrale Forderung ist ein organisiertes, alters- und risikoabhängiges Screening, das auf wissenschaftlicher Evidenz basiert und nach festen Leitlinien erfolgt.

Im Mittelpunkt steht der PSA-Test – aber in einem strukturierten Rahmen:

  • Startalter: Ab 45 Jahren, bei familiärer Vorbelastung bereits ab 40
  • Intervalle: Abhängig vom individuellen PSA-Wert und Risiko
  • Vermeidung von Überdiagnosen: Engmaschige Nachbeobachtung statt sofortiger Therapie bei unauffälligen Tumoren
  • Integration bildgebender Verfahren: z. B. multiparametrische MRT vor invasiver Biopsie
  • Gezielte Entscheidungshilfen: strukturierte Aufklärung und partizipative Entscheidungsfindung

Tabelle: Vergleich aktuelles System vs. geplantes Screening

MerkmalAktuelles SystemVorgeschlagene Reform
Finanzierung PSA-TestSelbstzahler (IGeL)Gesetzlich organisiert
TeilnahmeUnstrukturiertSystematisch, mit Einladung
ZielgruppeMänner ab 45 JahrenAlters- und risikoadaptiert
Beratung vor TestungUneinheitlichStandardisiert, evidenzbasiert
Umgang mit BefundenArztabhängigLeitliniengestützt, abgestuft
Gefahr von ÜbertherapieHochReduziert durch Active Surveillance

Was sagen die Studien?

Internationale Forschung, u. a. aus Schweden, zeigt, dass ein gut organisiertes PSA-Screening die Prostatakrebssterblichkeit um bis zu 30 % senken kann – vorausgesetzt, es erfolgt selektiv und nicht flächendeckend. Entscheidend ist ein intelligenter Umgang mit auffälligen Befunden: Nur wer wirklich behandlungsbedürftig ist, sollte auch therapiert werden.

Zugleich steigt die Zahl sogenannter „Active Surveillance“-Fälle: Männer mit niedrig aggressiven Tumoren werden engmaschig kontrolliert, aber zunächst nicht behandelt. Dieses Vorgehen schont Lebensqualität und senkt Risiken unnötiger Eingriffe.

Gesellschaftlicher Handlungsbedarf

Mit der Reform des Screening-Programms wären nicht nur bessere medizinische Ergebnisse möglich – es ginge auch um mehr Gerechtigkeit im Zugang zur Vorsorge. Denn derzeit nehmen vor allem informierte und finanziell besser gestellte Männer den PSA-Test in Anspruch. Ein strukturiertes, kassenfinanziertes Angebot könnte diese Lücke schließen und gleichzeitig für mehr Qualität in der Aufklärung und Nachsorge sorgen.

Die Entscheidung zur Einführung eines solchen Programms liegt bei der Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Experten fordern nun, das Thema prioritär anzugehen – auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der wachsenden Zahl an Krebserkrankungen bei älteren Männern.


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