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Pflegeberuf in der Krise: Warum so viele Auszubildende abbrechen

Credits : iStock.com/eakgrunge

Pflegekräfte gelten als Rückgrat des Gesundheitswesens – doch der Beruf verliert immer stärker an Attraktivität. Ein besorgniserregender Trend zeichnet sich bereits in der Ausbildung ab: Immer mehr Auszubildende in der Pflege brechen ihre Lehre vorzeitig ab. Das geht aus aktuellen Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor und wirft ein Schlaglicht auf tiefgreifende strukturelle Probleme in einem Beruf, der in Deutschland ohnehin chronisch unterbesetzt ist.

Jeder Dritte bricht die Pflegeausbildung ab

Besonders alarmierend ist die Abbruchquote in der Ausbildung zur Pflegefachkraft: Rund 30 Prozent der Auszubildenden beenden ihre Lehre nicht. Bei der Pflegehilfe-Ausbildung ist die Quote sogar noch höher – dort liegt sie je nach Bundesland zwischen 35 und über 50 Prozent. Das bedeutet: Mehr als jede dritte Ausbildung in der Pflege endet vorzeitig.

Diese Zahlen stehen im Kontrast zu anderen Ausbildungsberufen in Deutschland, bei denen die durchschnittliche Abbrecherquote laut BIBB bei etwa 25 Prozent liegt.

Warum so viele die Pflegeausbildung hinschmeißen

Die Gründe für den vorzeitigen Ausstieg sind vielfältig und oft miteinander verknüpft:

  • Hohe körperliche und psychische Belastung
    Schichtarbeit, Personalmangel und emotionale Belastungen im Umgang mit Patienten überfordern viele junge Menschen bereits in der Ausbildung.
  • Fehlende Praxisanleitung
    Viele Auszubildende beklagen unzureichende Betreuung durch ausgebildete Praxisanleiterinnen und -anleiter. Häufig fehlt die Zeit für strukturierte Einarbeitung.
  • Unklare berufliche Perspektiven
    Trotz generalistischer Ausbildung bleiben Karrierepfade in der Pflege häufig diffus und wenig planbar.
  • Unattraktive Vergütung
    Auch wenn die Ausbildungsvergütung in den letzten Jahren gestiegen ist, empfinden viele sie angesichts der Arbeitsbelastung als nicht angemessen.
  • Mangelnde Wertschätzung
    Viele Auszubildende berichten von einem Klima, das von Stress und Resignation geprägt ist – statt von Teamgeist und Anerkennung.

Reformierte Pflegeausbildung: Anspruch und Wirklichkeit

Mit der Reform zur generalistischen Pflegeausbildung im Jahr 2020 wollte die Politik dem Pflegenotstand entgegenwirken. Die Ausbildung zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann sollte attraktiver und vielseitiger werden. Die Idee: Eine gemeinsame Grundausbildung, die später Spezialisierungen in der Kranken-, Alten- oder Kinderpflege ermöglicht.

Doch die Realität sieht oft anders aus: Die Ausbildungsinhalte gelten als überfrachtet, die Praxisplätze sind knapp, und viele Betriebe haben Schwierigkeiten, den erhöhten Organisationsaufwand zu stemmen. Einige Einrichtungen bevorzugen nach wie vor Bewerberinnen und Bewerber für traditionelle Ausbildungsgänge, weil die neue Struktur ihnen zu unübersichtlich erscheint.

Bundesländer im Vergleich

Auffällig sind große regionale Unterschiede bei den Abbruchquoten. Während Länder wie Schleswig-Holstein oder Sachsen vergleichsweise moderate Raten verzeichnen, ist die Situation in BayernBerlin oder NRW besonders kritisch.

BundeslandAbbruchquote Pflegehilfeausbildung
Schleswig-Holsteinca. 35 %
Sachsenca. 38 %
Nordrhein-Westfalenca. 50 %
Bayernüber 50 %

Diese Unterschiede hängen unter anderem mit der regionalen Ausbildungsstruktur, der Anzahl an Lehrkräften, dem Betreuungsschlüssel und der Praxisorganisation zusammen.

Was Pflege-Azubis fordern

Viele Auszubildende haben klare Erwartungen, wie der Beruf attraktiver werden könnte:

  • Mehr Zeit für Anleitung und Reflexion
  • Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben
  • Verlässliche Dienstpläne auch in der Ausbildung
  • Klare Perspektiven für Weiterbildung und Spezialisierung
  • Mehr Wertschätzung – nicht nur durch Worte, sondern durch Taten

Der Pflegenotstand spitzt sich zu

Dass gerade in einem Beruf mit eklatantem Fachkräftemangel so viele Auszubildende abspringen, wirkt wie ein Weckruf. Denn die Gesellschaft ist auf gut ausgebildete Pflegekräfte angewiesen – in Kliniken, Pflegeheimen und in der häuslichen Versorgung.

Ohne grundlegende strukturelle Verbesserungen droht der Beruf weiter an Attraktivität zu verlieren. Das hätte nicht nur Folgen für die Versorgungssicherheit, sondern auch für das Vertrauen in ein funktionierendes Gesundheitswesen.


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