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Krebs bei wilden Affen: Was die Forschung über Tumore in freier Wildbahn verrät

Credits : iStock.com/Edwin_Butter

Krebs gilt in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als Zivilisationskrankheit. Doch eine neue Studie von Forschenden des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) in Göttingen wirft ein anderes Licht auf die Entstehung und Verbreitung dieser Krankheit – bei unseren nächsten tierischen Verwandten: den wildlebenden Affen.

In einer breit angelegten Analyse haben die Wissenschaftler Daten zu über 17.000 Primaten aus rund 200 Arten ausgewertet. Die Tiere stammten aus Zoos, Forschungszentren und Wildbeständen. Die Auswertung zeigt: Krebs ist bei wild lebenden Affen keineswegs selten – allerdings stark abhängig von der jeweiligen Art und dem Lebensumfeld.

Affen erkranken häufiger an Krebs als gedacht

Besonders überraschend war die Entdeckung, dass Tumorerkrankungen bei Menschenaffen wie Schimpansen, Gorillas oder Orang-Utans relativ häufig vorkommen – und zwar nicht nur bei Tieren in Gefangenschaft, sondern auch in freier Wildbahn. Das widerspricht der lang gehegten Annahme, Krebs sei hauptsächlich eine Folge des modernen Lebensstils mit Umweltgiften, ungesunder Ernährung oder Bewegungsmangel.

Beobachtete Krebsarten bei Primaten:

KrebsartHäufig betroffen bei
DarmkrebsSchimpansen, Paviane
BrustkrebsMenschenaffen, insbesondere Schimpansen
HautkrebsMeist bei Arten mit wenig Körperbehaarung
Blutkrebs (Leukämie)Verschiedene kleinere Affenarten

Die Ergebnisse zeigen, dass auch Tiere ohne Zugang zu Fast Food, Zigaretten oder industrieller Umweltverschmutzung an Tumoren erkranken können – was auf eine tiefere biologische Verwurzelung der Krankheit hindeutet.

Lebenserwartung und Krebsrisiko: Ein Zusammenhang?

Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft den Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und der Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken. Je älter ein Tier werden kann, desto höher scheint auch sein Risiko für Tumorerkrankungen zu sein. Dies entspricht dem, was auch in der Humanmedizin gilt.

Denn Krebs entsteht, vereinfacht gesagt, durch Mutationen in Körperzellen. Je länger ein Organismus lebt, desto mehr Zellteilungen finden statt – und desto größer ist die Chance, dass dabei Fehler passieren, die zu unkontrolliertem Zellwachstum führen.

Warum Menschen öfter an Krebs sterben

Trotz ähnlicher biologischer Voraussetzungen ist die Krebssterblichkeit beim Menschen deutlich höher als bei anderen Primaten. Die Ursachen dafür sind vielschichtig:

  • Bessere Diagnostik beim Menschen: Während bei Wildtieren viele Tumorerkrankungen unbemerkt bleiben oder nicht eindeutig zugeordnet werden können, wird beim Menschen frühzeitig und gezielt diagnostiziert.
  • Künstliche Lebensverlängerung: Medizinischer Fortschritt ermöglicht es Menschen, deutlich älter zu werden – was wiederum die Krebswahrscheinlichkeit erhöht.
  • Zivilisationsfaktoren: Ernährung, Luftverschmutzung, Rauchen und Alkohol beeinflussen die Krebsentstehung beim Menschen zusätzlich.

Evolutionäre Perspektive: Ist Krebs ein Preis der Komplexität?

Die Studie deutet darauf hin, dass Krebs ein evolutionäres Problem ist, das alle höher entwickelten Lebewesen betrifft. Insbesondere große, langlebige Tiere haben ausgeklügelte Mechanismen entwickelt, um entartete Zellen zu kontrollieren oder zu eliminieren – dennoch ist der Schutz nicht perfekt.

Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Peto’s Paradox: Elefanten oder Wale haben sehr viele Zellen und eine lange Lebensspanne, doch relativ selten Krebs. Warum? Vermutlich verfügen sie über zusätzliche tumorunterdrückende Gene. Menschenaffen hingegen, deren Genetik unserer sehr ähnlich ist, sind vergleichbar anfällig.

Bedeutung für die Krebsforschung

Die Erkenntnisse der Göttinger Forscher könnten auch für die Humanmedizin von Bedeutung sein. Wenn Krebs ein universelles Problem ist, das nicht ausschließlich auf moderne Lebensumstände zurückzuführen ist, muss die Forschung auch die evolutionären und genetischen Grundlagen der Erkrankung stärker in den Fokus rücken.

Insbesondere das Studium von Tierarten mit auffällig niedriger Krebsrate – wie dem Nacktmull oder eben bestimmten Primaten – könnte neue Therapieansätze oder Präventionsstrategien eröffnen.

Tiermedizin und Artenschutz: Früherkennung auch bei Affen?

Die Untersuchung zeigt außerdem, wie wichtig eine regelmäßige tierärztliche Kontrolle auch bei Wild- oder Zootieren ist. Da viele Affenarten vom Aussterben bedroht sind, kann das frühzeitige Erkennen von Tumoren nicht nur Leben retten, sondern auch zur Erhaltung der genetischen Vielfalt beitragen.


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